"Ich bin nicht die Freundin."

22.10.2022


"Ich bin nicht die Freundin."

Unmaskiert – Die Caritas zeigt Gesicht: In dieser Serie legen Mitarbeitende ihre Masken ab und erzählen von ihrer Arbeit bei der Caritas. Heute spricht Karin Haubenschild. Sie arbeitet seit fast vierzig Jahren als Sozialpädagogin bei der Caritas Regensburg und leitet seit 1987 das Caritashaus St. Rita, ein Haus für wohnungslose oder aus der Haft entlassene Frauen.

Karin Haubenschild leitet seit 1987 das Haus St. Rita, eine Einrichtung für wohnungslose und aus der Haft entlassene Frauen. Fotos. Schophoff
"Die Frauen finden bei uns eine Haltung vor, die sie nicht kennen: ‚Du bist wer! Du bist etwas wert!‘"
Karin Haubenschild, Einrichtungsleiterin Haus St. Rita

„Ich bin robust und pragmatisch, auch deswegen mache ich diese Arbeit nun im neundreißigsten Jahr. Und ich bin den Menschen zugewandt. Es gibt so viele spannende Leben. Die Frauen, die in St. Rita wohnen, lassen mich daran teilnehmen. Das macht unglaublich viel Freude.

Ich bin in Neutraubling geboren und aufgewachsen. Damals war das eine sogenannte Vertriebenengemeinde. Mein Großvater kam aus dem Egerland und in Neutraubling lebten die nach dem Zweiten Weltkrieg die Vertriebenen, danach kamen die Gastarbeiter, später die Aussiedler. Ich war zwölf Jahre alt und in der Realschule, als ich den ersten Bayer kennenlernte. Eine Bekannte, die ebenfalls in Neutraubling aufwuchs und später Journalistin wurde, schrieb in einem Magazinartikel, dass wir alle im Ghetto aufwuchsen und traumatisiert sind. Das finde ich überhaupt nicht. Niemand wurde ausgegrenzt, wir waren alle gleich fremd.

Als Einrichtungsleiterin übernimmt Karin Haubenschild nicht nur die soziale Arbeit, sondern macht auch die Buchhaltung, die Personalführung und ist die Hausmeisterin.
"Ich bin nicht nur mit mir großzügig, sondern auch mit meinen Frauen."
Karin Haubenschild, Einrichtungsleiterin Haus St. Rita

Meine Eltern hatten ein Geschäft, sie waren bei allen bekannt. Ich aber trug bunte Kleider, Hemden und Cappies. So bunt, dass meine Eltern irgendwann sagten: ‚Was sollen nur die Leute denken?‘. Mir war herzlich egal, was sie wohl dachten. Auch deswegen übernahm ich nach der Schule nicht das Geschäft meiner Eltern, sondern lernte auf der Fachoberschule weiter und studierte später in Landshut Soziale Arbeit. Das Soziale verband ich immer mit Freiheit.

Wir wollten die Welt verändern. Es war die Zeit dafür. Wir demonstrierten in Wackersdorf und bildeten Menschenketten als Zeichen für den Frieden. Auch in der Sozialpädagogik waren wir von unserer Wirksamkeit überzeugt. Unsere Haltung war: Wenn wir nur genug anbieten, ausreichend Chancen eröffnen, wird alles gut. Ich habe meinen Schwerpunkt früh auf den Bereich der Resozialisierung gelegt. Es ging um soziale Gerechtigkeit. Die Erfolgschancen schienen hoch.

Heute wissen wir, dass Resozialisierung komplexer ist. Damals, in den 1970er-Jahren stand die Pädagogik noch in den Kinderschuhen. Man war überzeugt: Erziehung ist alles. Heute geht man von vielen verschiedenen, ineinander verwobenen Faktoren aus. Der Mensch ist mehr als seine Erziehung, die Gene spielen eine Rolle und auch die Umwelt.

Kreative Arbeit im Haus St. Rita: Karin Haubenschild vor einem Lebensbaum, den die Bewohnerinnen gestalteten.
"Nicht spießig, nicht rollenkonform und wahnsinnige Stehaufmännchen."
Karin Haubenschild über ihre Klientinnen

Unsere Frauen, die heute in St. Rita leben, sind psychisch deutlich instabiler als beispielsweise jene Frauen, die in den 1980er-Jahren bei uns lebten. Die Problemlagen sind vielschichtiger, die Frauen sind weniger greifbar, weniger sozialverträglich. Unser Gemeinschaftsraum hier in St. Rita ist meist verwaist. Die Frauen sitzen auf ihren Zimmern und halten mit ihren Smartphones Kontakt zur Welt. Und doch finden die Frauen, mit all ihren Problemen, bei uns Halt und gewinnen an Stabilität. Wir gewöhnen sie an eine Tagesstruktur.

Die Frauen finden bei uns eine Haltung vor, die sie von draußen nicht kennen: ‚Du bist wer! Du bist etwas wert!‘ So begegnen wir hier allen Klientinnen. Und trotzdem bin ich nicht die gute Freundin – sondern die Leiterin dieser Einrichtung. Regeln sind für eine Gemeinschaft wahnsinnig wichtig. An die muss sich jede halten. Beispielsweise haben wir an jedem Werktag um halb neun Uhr morgens Gruppensitzung. Da muss jede mitmachen. Ich lasse keine Ausreden oder Ausflüchte gelten.

Eine meiner ersten Klientinnen besucht mich heute noch: Ronja (Name geändert), eine Transfrau. Sie kam 1989 zu uns, als wirklich noch niemand von Transgender sprach. Der Bürgermeister rief mich an und sagte: ‚Hier sitzt eine Mutter. Ihr Sohn ist jetzt eine Frau und der Vater lässt sie nicht mehr rein.‘ Also zog sie bei uns ein. Sie hatte sich operieren lassen und trug elegante Frauenkleider in den buntesten Farben. Wie eine Queen! Wenn ich schimpfte, weil sie die Küche nicht ordentlich sauber gemacht hatte, entgegnete sie: ‚Ich bin wie ich bin! Ich habe gelernt, mich zu akzeptieren.‘ Ronja lebt heute ein eigenständiges Leben. Sie kommt aber immer noch zu mir, wenn sie Probleme hat und reden möchte.

Ich selbst habe viel von meinen Frauen gelernt. Ich bin gelassener geworden und dankbar für das Leben, das ich führe. Ich habe gelernt, mit wie vielen Problemen Menschen leben können. Und dass nicht jeder einen Lebensentwurf haben muss, den ich gut finde. Meine Frauen sind super. Ich bin innerlich nicht nur mit mir großzügig, sondern auch mit ihnen. Sie sind nicht spießig, nicht rollenkonform und wahnsinnige Stehaufmännchen.“ 

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